Project Date: September 20, 2017 Skills: Exhibition

Weinviertel. Landsleute.

Ausstellung im Museumszentrum Mistelbach (gem. mit Alexander Kada und Wolfgang Denk) im Auftrag der Stadtgemeinde Mistelbach, 2007

Eine Ausstellung – Zwei Bereiche

Betritt der Besucher die Ausstellung, lassen sich auf den ersten Blick 2 räumlich unterschiedliche Bereiche erkennen, die auch inhaltlich ihre Entsprechung haben. Im Erdgeschoss werden die wirtschaftlichen und strukturellen Rahmenbedingungen präsentiert. Auf diesen Rahmenbedingungen aufbauend entfaltet sich dann im Obergeschoss das Leben der BewohnerInnen des Weinviertels.

Erdgeschoss: Die Strukturgeschichte

Die Ausstellung thematisiert und präsentiert im Erdgeschoss die sozioökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen der historischen und aktuellen Entwicklung des Weinviertels. Hier werden jene Themen gezeigt, die das Leben der Weinviertler Bevölkerung prägten und prägen: die landwirtschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung, die Kulturen des Weins, das Leben an und mit der Grenze.

Die ausstellungsadäquate gestalterische Umsetzung dieser strukturgeschichtlichen Themen erfolgt in Form von Großobjekten, die paradigmatisch für Entwicklungen stehen. Allgemeine Daten und Fakten über die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen der historischen und aktuellen Entwicklung des Weinviertels werden in Form von Filmen, Animationen und Texten eingespielt.

Aus der „Wiege der Erdölgewinnung“ von Österreich, der Gemeinde Neusiedl / Zaya, wo die Erschließung der Erdölfelder in den 30er Jahren des 20. Jahrhundert die bedeutendste Erdölproduktion des Landes ermöglichte, stammen die drei Objekte zum Thema „Erdöl“. Der Diamantmeißel, dessen Krone mit Industriediamanten versetzt ist, dient zur Bohrung härtester Gesteinsschichten bei den Bohrungen nach Erdöl. Bei einer erfolgreichen Bohrung reguliert das Eruptionskreuz als Abschluss des Bohrloches mit Ventilen und Druckmesser den Zustrom. Für die im Weinviertel weithin sichtbaren Fördertürme aus Gitterstahl steht ein maßstabsgerechter Förderturm als Erinnerung an die glorreiche Vergangenheit der Gemeinde.

Zu den bedeutenden Ereignissen in der jüngeren Vergangenheit des Weinviertels zählt der Fall des „Eisernen Vorhangs“ im Jahr 1989. Mit der Grenzöffnung zu den Nachbarländern des ehemaligen Ostblocks und der Beendigung des Kalten Krieges konnten wieder kulturelle und politische Beziehungen intensiviert werden. Der letzte, bereits abgebaute Grenzwachturm aus dem Niederösterreichischen Landesmuseum erinnert mit dem zusammen gerollten Stacheldraht an die Jahrzehnte der Trennung.

Geprägt ist das Weinviertel vor allem durch die Landwirtschaft, hier dominiert der Anbau von Getreide (Weizen, Gerste, Roggen), Hackfrüchten (Mais, Kartoffeln, Zuckerrüben), Wein, Obst und Alternativkulturen (Raps, Sonnenblumen, Sojabohnen). Bis nach der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts betrieben kleinbäuerliche Betriebe die landwirtschaftliche Nutzung des Bodens. Die Arbeitsgeräte stammten einerseits aus der Region selbst, wie der Pflug der Fa. Heger, Landwirtschaftliche Maschinenfabrik aus Mistelbach / Zaya, deren Original-Reklametafel auf die Fabrik hinweist. Auf deren Betriebsgelände befindet sich nun das MZM Mistelbach. Andererseits wurden in den Kleinproduktionsstätten in Wien und Umgebung landwirtschaftliche Zugmaschinen hergestellt: ein typisches Beispiel ist der seltene, hier ausgestellte Traktor „Farmer 10“ aus dem Werk von Klöckner-Humbold-Deutz in Wien-Favoriten. Durch die Zerstörungen des Betriebsgeländes dieser Firma in Deutschland im 2. Weltkrieg wurde die Produktion für kurze Zeit nach Wien verlegt. Insgesamt existierten bis Ende der 60er Jahre 22 österreichische Traktorenhersteller.

Das Weinviertel zählt zu den traditionellsten und wichtigsten Weinbaugebieten Österreichs. Der historische Weinwagen aus dem NÖ Museum für Volkskultur Groß Schweinbarth in der Eingangshalle weist auf die Bedeutung des Themas hin. Die Objekte aus dem Weinbaumuseum von Klaus Koska in Mitterretzbach veranschaulichen den Weinbau aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Der Pflug zum Rigolen bereitet den Boden für die Weinstöcke auf; durch das tiefe Pflügen (ca. 30 – 80 cm) wird eine Lockerung des Bodens, die Beseitigung von verdichteten Schichten sowie die Anreicherung des Unterbodens mit fehlenden Nährstoffen erreicht, was besonders beim Pflanzen der Jungreben sehr wichtig ist. Der Weinbergpflug ist größenmäßig an die Verhältnisse der Weingärten angepasst, klein und wendig lockert er die Erde an der Oberfläche auf. In Holzbutten wurden die Weintrauben geerntet und zum Pressen gebracht. In den Presshäusern wurden mit Baum- und Spindelweinpressen schließlich die Trauben gepresst – die hölzerne Spindelweinpresse aus dem Jahr 1737 ist die älteste Retzbacher Weinpresse. Die Fässer, in denen der Wein gelagert wird, weisen häufig reiche geschnitzte Verzierungen auf, so wie der handgeschnitzte Fassboden aus dem 19. Jahrhundert. Für die Abfüllung von Wein waren Ende 19. Jahrhundert / Anfang 20. Jahrhundert unter anderem folgende Gerätschaften notwendig: Handpumpe (hier die älteste in Österreich hergestellte Handpumpe), Schwefelrad zum Sterilisieren der leeren Weinflaschen vor der Abfüllung, so wie Filtergerät und Füllanlage zum Abfüllen des Weines.

Ein besonderes Schaustück ist die Vitrine mit den Staatsvertragsweinen. Diese beinhaltet die Weinflaschen („Blauer Portugieser“), hergestellt von der ehemaligen Retzer Winzergenossenschaft, die anlässlich der Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrage am 15. Mai 1955 zum Festbankett gereicht wurden.

In dieser Landschaft haben jedoch vor allem Menschen ihre Spuren hinterlassen und sie durch ihre Arbeit und ihren Alltag geprägt und gestaltet. Menschen auf Fototafeln des Künstlerpaares Heinz Cibulka & Magdalena Frey begleiten mit ihren Blicken die BesucherInnen beim Erwandern des Weinviertels.

Obergeschoss: Ein Blick auf die Menschen – „Schweben über dem Weinviertel“

Die Präsentation der zweiten inhaltlichen Ebene, die Adaption der „harten Fakten“ in die individuellen Lebensstrategien der Weinviertler Bevölkerung erfolgt über das Vermittlungsmedium „Ausstellungsobjekt“. Die hier ausgestellten Objekte stammen aus Privatsammlungen, kommen aber auch aus renommierten nationalen und internationalen Museen. Diese Objekte schweben verpackt in „Trauben“ im Raum, und sie repräsentieren das Leben einiger ausgewählter Weinviertlerinnen und Weinviertler – aber durchaus auch stellvertretend für alle Weinviertler und Weinviertlerinnen. Hervorgehoben werden Menschen, die sich – wie es die Kulturwissenschaften bezeichnen – durch einen gewissen regionalen oder dörflichen „Eigensinn“ auszeichnen, beziehungsweise Grenzen überschreiten (das ist durchaus auch geografisch gemeint). Diese Persönlichkeiten kommen aus verschiedenen sozialen Schichten, sie sind bekannt oder auch unbekannt, gemeinsam aber ist ihnen, dass sie im Weinviertel geboren wurden oder im Weinviertel gelebt haben oder leben. Zu nennen sind hier etwa Peter Kenyeres und Ferdinand Altmann, die mit ihrem “Kulturbund Weinviertel” viel in Niederösterreich bewegt haben. Josef Geissler, der mit seinen eigenen Händen das “Museumsdorf Niedersulz” als größtes Freilichtmuseum Niederösterreichs geschaffen hat. Maria Loley, die die “Bewegung Mitmensch” gegründet hat. Alfred Komarek, der dem Weinviertel ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Oder Wilhelm Franz Exner, Sohn einer Eisenbahnerfamilie in Gänserndorf, der 1908 das heutige Technische Museum in Wien gründete.

Einige dieser Personen sind auch über die Grenzen Österreichs hinaus berühmt geworden, wie zum Beispiel Josef Ignaz Pleyel, Komponist und Klavierbauer aus den Zeiten der Französischen Revolution, der zu seiner Lebenszeit berühmter war als Mozart. Oder Johann Petzmayer, der in Zistersdorf geborene Zithervirtuose, der sogar in den Privaträumen des Kaisers Franz von Österreich auftrat.

Karl Stocker und Gabriele Kaser