Project Date: October 20, 1998 Skills: Exhibition

Museum im alten Zeughaus

Die Zeit ist vorbei. Die Zeugnisse bleiben.
Ihre Interpretation ist das, was wir Geschichte nennen.
Geschichte wird gemacht.

Was den BesucherInnen im Museum geboten wird, ist nicht die Geschichte Radkersburgs. In unserer Konstruktion von Geschichte orientieren wir uns an Gebhard Rusch, der jedes realistische Konzept von Vergangenheit und Geschichte als eine ”phantastische Überschätzung bzw. Fehleinschätzung der Bedingungen und Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis, eine Fülle voreiliger Ontologisierungen und eine Zügellosigkeit der menschlichen Phantasie” versteht. Oder, um mit Heinz von Foerster zu sprechen: ”Ist die Geschichte nun fact oder fiction? Sie ist fiction, Fiktion!” Dies bedeutet keineswegs das Ende der Geschichtsforschung und des Museums, sondern verlangt das Bewußtsein um die Relativität jeder wissenschaftlichen Erkenntnis und Geschichtsdarstellung.

Zur Plausibilisierung unseres Geschichtskonstrukts verwendeten wir drei ”Bedeutungsspeicher”: Objekte, Texte und Inszenierungen. Das Museum verfügt über umfangreiche und zum Teil sehr wertvolle Bestände: unter anderem eine der größten geschlossenen Zunfttruhensammlungen Europas, gefüllt mit Originaldokumenten, eine Reihe von vor- und frühgeschichtlichen Fundgegenständen (etwa einen ”Negauer Helm”) oder die ”Sammlung Prettner” (ca. 5.000 Glasplatten eines Privatphotographen). Diese bildeten die eine Basis unserer Geschichtskonstruktion. Wir bedienten uns dieser ”Überreste”, um unser Konstrukt der Geschichte Radkersburgs zu untermauern – wissend, daß ein Objekt seine Bedeutung allein dadurch erhält, daß es ausgestellt wird. Die Exponate wurden unserem Konzept entsprechend gesichtet, bewertet und in der Ausstellung positioniert. Manche/r Besucher/in, der/die das Museum vor der Neugestaltung kannte, wird das eine oder andere liebgewonnene Objekt vermissen. Es fiel unserer Geschichtsvorstellung ”zum Opfer”, es paßte nicht in unser Konzept.

Eine weitere Basis bildeten wissenschaftliche Geschichtsdarstellungen. Die im Museum präsentierten Texte sind Exzerpte der umfangreichen lokal- und regionalhistorischen Literatur. Auch sie wurden unserem Konzept entsprechend gesichtet, ausgewertet und in der Ausstellung positioniert. Durch die Nennung der zitierten AutorInnen wird nicht nur ihre Leistung gewürdigt, sondern auch ihre Autorenschaft einer Öffentlichkeit preisgegeben: Damit bleibt die Verantwortung für ihre Geschichtskonstruktion bei ihnen. Wie sehr allerdings Forschungsergebnisse divergieren können, zeigt sich etwa in der Gegenüberstellung von vier Deutungen des Namens der Stadt Radkersburg, die per Knopfdruck im ersten Ausstellungsraum abrufbar sind. Die Entscheidung für eine der per Knopfdruck abrufbaren Namensdeutungen bleibt dem Publikum überlassen. Die ausgewählten Exponate und Texte wurden einer der Chronologie folgenden Idee von Geschichte (,Historischer Rundgang’) untergeordnet und durch ihre spezifische Anordnung thematisch miteinander in Beziehung gesetzt.

Die programmatischen Inszenierungen im ”Museum im alten Zeughaus” unterscheiden sich von herkömmlichen Präsentationsformen – jede Präsentation scheinbar historischer Objekte ist eine Inszenierung per se – dadurch, daß sie auch dort ,Geschichten’ erzählen, wo es keine Dokumente gibt. So stehen etwa repräsentativ für die Geschichte des Handels mit Erz, Honig, Wein, Rinderfiguren und Holz gefüllte Plexiglassäulen. Weiters besteht die Intention, die historischen Konstrukte mit Hilfe gestalterischer Metaphern transparent zu machen: So legt etwa der ”geteilte Mensch” im Raum der ”Nationalen Konflikte” nahe, daß die 1919 geschaffene Grenze auch durch die Menschen selbst ging; die Brücke steht – über ihre Funktion als Verbindung zwischen den beiden ehemals getrennten Gebäudetrakten hinausgehend – als Symbol für Völkerverständigung und Aufbruch. Der ”schöne Schein” der Ausstellung, der vor allem durch die Lichtinszenierung einem hohen ästhetischen Standard verpflichtet ist, wird immer wieder gebrochen: Ein ”Blick hinter die Kulissen” – etwa hinter die zwischen Glasplatten gezeigten Reproduktionen von historischen Dokumenten – ermöglicht den BesucherInnen auch ein Nachvollziehen der ästhetischen Konstruktion.

Das Konzept sprengt den Rahmen eines klassischen Regionalmuseums nicht nur philosophisch durch seine Orientierung an einem konstruktivistischen Geschichtsverständnis, sondern auch räumlich, indem es den klassischen Museumsraum erweitert: In Anlehnung an die französischen ”Eco-Museen” stellt es modellhaft Bezüge zwischen verschiedenen regionalen kulturhistorischen, ökonomischen, sozialen und/oder naturräumlichen Entwicklungen und Bedingungen her. Dazu verbindet es den zentralen Museumsstandort – in unserem Fall das Stadtmuseum – mit relevanten ”Bezugsorten” im Umland über Außenstellen, sogenannten Antennen, um eine regionale Vernetzung herzustellen. Im Museum werden verdichtete Verweise auf bestimmte städtische und außerstädtische Entwicklungen gegeben, um die BesucherInnen anzuregen, auch die Stadt und ihre Umgebung zu erkunden. Solche ”Antennen” sind etwa die vor- und frühgeschichtlichen Fundplätze in Hummersdorf, Tieschen und Grössing, das Römerzeitliche Museum in Ratschendorf, das Pokrajinski muzej Murska Sobota, das Pokrajinski muzej Maribor oder eine Reise zu Kunstwerken des spätmittelalterlichen Künstlers Johannes Aquila in Slowenien, Ungarn und Österreich. Die Antenne ”Handel-Handwerk-Gewerbe” verweist auf traditionelle Handwerksquartiere in der Stadt und moderne Formen früherer handwerklicher Fertigungen in Gewerbebetrieben.

In diesem Sinne versteht sich das ”Museum im alten Zeughaus” auch als ”Visitenkarte” der Region. Es verweist auf kulturhistorische Besonderheiten der Stadt Bad Radkersburg und der Region und will dazu anregen, die Grenzen Österreichs zu Ungarn und Slowenien hin zu überschreiten.

Karl Stocker – Beatrix Vreca