Project Date: November 18, 1999 Skills: Exhibition

Verkehr. Knittelfeld

Jeder Mensch ist an sich schon „Verkehrsexperte“: Er/sie lenkt ein Auto, fährt mit dem Fahrrad oder geht zu Fuß, schimpft über den öffentlichen Verkehr oder steckt im Stau fest. Ob Stammtischgespräch oder auch wissenschaftlicher Diskurs: Kaum ein anderes Thema ist dermaßen von Leidenschaften und Ideologien geprägt, und kaum ein Thema ist so ausufernd wie „Verkehr“. Schon eine erste Ideensuche unseres wissenschaftlichen Teams ergab eine nahezu unendliche Liste von interessanten Themen, von denen jedes einzelne Stoff genug für eigene Ausstellungen bieten hätte können. Die Konsequenz daraus hieß: Konzentration auf ausgewählte Aspekte mit einem gewissen Mut zur Auslassung.
Von Beginn an stand fest, daß Knittelfeld, der Ort der Landesaus-stellung, und das Eisenbahnwesen, jener verkehrstechnische Bereich, der diesem Ort seine Bedeutung gab und gibt, in der Ausstellung als gleichsam lokal begründete Fixpunkte einen prominenten Stellenwert einnehmen müssen. Verkehr ist aber auch ein Phänomen, das nicht auf die Betrachtung der Eisenbahn beschränkt werden darf, und es darf auch nicht nur regional oder lokal präsentiert werden. Daher versucht unsere Konzeption, nahezu alle Verkehrsmittel zu berücksichtigen, die sich auf der Schiene, auf der Straße, zu Wasser, in der Luft und im Weltraum bewegen – darüberhinaus werden auch einige Aspekte des übergeordneten Bereichs Kommunikation in der Ausstellung präsentiert. Und die lokale und regionale Ebene wird in einen österreichischen und internationalen Zusammenhang eingebettet. Was die zeitliche Einschränkung betrifft, einigten wird uns darauf, die von uns erzählte Geschichte des Verkehrs ebenfalls mit der Eisenbahn beginnen zu lassen.

Es gibt national und international eine Reihe von technischen Museen und Sammlungen – man denke hier nur an das Technische Museum Wien oder das Deutsche Museum München – mit qualitativ und quantitativ unglaublichen Beständen. Diese Verkehrsmuseen werden den Besucherinnen und Besuchern unserer Ausstellung virtuell über das Internet zugänglich gemacht. Das Motto der Landesausstellung war daher – was die Exponate betrifft – von Beginn an: Qualität statt Quantität. Weniger ist mehr. Daher präsentiert unsere Ausstellung wenige, dafür aber hochwertige und imposante Exponate. Das Technische Museum in Wien stellt beispielsweise einen Mercedes Electrique (1905) zur Verfügung, der Club 760 eine Doppelzahnraddampflokomitive der Reihe 97 (1914), die Österreichische Gesellschaft für Eisenbahngeschichte die legendäre Dampflokomotive 52 (1943) oder die Österreichische Gesellschaft für historisches Kraftfahrzeugwesen unter anderem einen WAF Typ 45/4 (1917) sowie einen Ford Model T Speedster (1923). Einige Exponate werden hier erstmals einem österreichischen Publikum gezeigt: aus dem Deutschen Museum in München etwa ein Mors Petit Duc (1899), ein Goliath (1932) und ein Grade-Reibradwagen (1921), aus dem Nordwijk Space Museum / NL ein neun Meter großes Modell der Ariane 5 oder aus dem US Space und Rocket Center in Huntsville / USA ein sechs Meter großes Modell des Spaceshuttle sowie ein Lunar Rover.

Es geht uns um die Darstellung und Problematisierung einiger zentraler Bereiche des Themas „Verkehr“; weder eine Welterklärung, noch eine chronologisch geordnete Verkehrsgeschichte zu präsentieren, lag in unserer Absicht. Nicht die Technik „an sich“ steht im Mittelpunkt, sondern kulturelle Implikationen wie die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Technik. Über die Themen „Der Mensch und die Maschine“, „Die Eisenbahn und Knittelfeld“, „Raum – Zeit – Geschwindigkeit“, „Transport“, „Die dunkle Seite des Verkehrs“ und „Reisen“ wird ein Bogen gespannt, der die Besucherinnen und Besucher zu einer kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit „Verkehr“ einladen soll. Dazu werden in jedem dieser sechs Themenbereiche circa 20 Exponate präsentiert, die einerseits ihre eigenen „Geschichten“ erzählen, aber andererseits durch ihre Anordnung und Gruppierung gleichsam untergeordnete Kapitel der einzelnen Bereiche definieren. Die Exponate werden kurz beschrieben, im Bereich 1 und 6 gibt es über die Exponatbeschreibungen hinaus noch die von uns als „Metatexte“ charakterisierten Texte, die einzelne Exponatgruppen auf einer philosophischen Ebene kommentieren. Generell aber gilt: „Schauen“ geht uns vor „Lesen“. Natürlich haben die Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, weiterführende Informationen in der Ausstellung selbst zu erhalten, sie bleiben aber eher im Hintergrund, sie sind digital abrufbar. Und: Der vorliegende Katalog bietet sehr umfangreiche und fundierte Informationen.

Angelehnt an einen wissenschaftstheoretischen Zugang, dem die Relativität jeder wissenschaftlichen Erkenntnis und Geschichtsdarstellung bewußt ist, hoffen wir, daß auch die Besucherinnen und Besucher unsere inhaltliche und gestalterische Ausstellungskonstruktion nachvollziehen können. Dieses Bewußtsein von Relativität bedeutet nun ja weder das Ende der Wissenschaft oder das Ende der Ausstellungen, sondern verlangt vorerst nicht viel mehr als einen vorsichtigen Umgang mit postulierten ewigen Wahrheiten. Daher ist die Ausstellung gerade von ihrem didaktischen Anspruch her eher zurückhaltend. Wir bemühten uns, den „pädagogischen Zeigefinger“ weitgehend zu vermeiden, indem wir den Besucherinnen und Besuchern nicht nur verschiedene Zugänge zum Thema, sondern auch verschiedene Interpretationsmöglichkeiten anbieten. Ein besonderes Gewicht haben in diesem Kontext die zeitgenössischen Kunstwerke von zum Teil weltbekannten Künstlerinnen und Künstlern wie etwa Serge Spitzer, Andrea Zittel, Lois Weinberger, Gottfried Bechtold, Kcho, Fischli/Weiss, Flatz, PRINZGAU/Podgorschek, Bruno Gironcoli oder Sylvie Fleury: Sie kommentieren die verschiedenen Aspekte des Themas „Verkehr“ mit künstlerischen Mitteln. Bildende Kunst kann mit anderen Mitteln als Wissenschaft Probleme definieren und Themen zuspitzen. Und sie vermag – wie es Stella Rollig in ihrem Vorwort ausdrückt – manchmal Einsichten zu vermitteln, „die einleuchtender, verblüffender, witziger, überzeugender, schöner oder berührender sind als die, die uns die Medien in überwältigendem Ausmaß täglich zur Verfügung stellen“. Im übrigen sei bemerkt, daß auch wir uns von den Künstlerinnen und Künstlern inspirieren haben lassen: Die Plazierung des „Klingonenschwerts“ in der Nachbarschaft der Raumhandschuhe des deutschen Astronauten Ulf Merbold mag dies verdeutlichen.

Diesem inhaltlichen Zugang entspricht eine gestalterisch/räumliche Konzeption, die im Spannungsfeld zwischen alt und neu mit den inhaltlichen „Botschaften“ korrespondiert. Inhalt und gestalterische Umsetzung sind somit zwei Teile eines Gesamtkonzeptes, indem durch Koppelung und Rückkoppelung das fließende Element der Themenstellung umgesetzt wird. Durch eine Sequenz differenzierter Räume werden den „Leitobjekten“ der Ausstellung spezifische und klar definierte architektonische Qualitäten zugeordnet. Die Leichtigkeit der Architektur und der industrielle Charakter der Halle ergeben den Rahmen, in dem sich die Konstruktion von Geschichte, Gegenwart und Zukunft im Kontext ihrer Monumente widerspiegelt. Der notwendigen inhaltlichen Einschränkung der Themen und Exponate entspricht die gestalterische Reduktion auf wenige Materialien, die – besonders hinzuweisen ist hier auf die transluzenten Raumteiler – die einzelnen Bereiche strukturieren, aber nicht die Gesamtheit des architektonischen Ensembles und der inhaltlichen Konzeption beeinträchtigen. So wie die wissenschaftliche Konzeption auf Relativität beharrt und verschiedene Perspektiven anbietet, können auch die Exponate aus verschiedenen Blickwinkeln wahrgenommen werden. Und wenn wir den Besucherinnen und Besuchern solch ungewohnte Blicke auf Objekte ermöglichen, indem beispielsweise die 97er Lokomotive von unten betrachtet werden kann, ermöglichen wir ihnen bei derselben Gelegenheit auch einen Blick hinter die Kulissen der Inszenierung, indem die Konstruktionen der Podeste freigelegt werden.

Simulatoren, Computerterminals und eine Reihe von interaktiven Installationen laden ein, „virtuelle“ Reisen zu unternehmen. Die Besucherinnen und Besucher erhalten aber auch die Möglichkeit, die Veränderungen der Wahrnehmung von Raum und Zeit im historischen Prozeß „am eigenen Leib“ nachzuvollziehen. So etwa können sie nicht nur auf einer Tribüne durch die Ausstellung fahren, sondern in ihrem Ausstellungsrundgang erobern sie gleichsam das gesamte Volumen der bestehenden Architektur.

Markus Pernthaler – Karl Stocker