Project Date: November 18, 2017 Skills: Exhibition, Publication

Der Berg der Erinnerungen. Graz 2003

Das „Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas“-Projekt „Berg der Erinnerungen“ produzierte und konstruierte 2002/03 eine Version der Geschichte von Graz im 20. Jahrhundert, die auf zweierlei basiert: Einerseits auf einer intensiven Phase der Produktion von zeithistorischen Quellen, indem im „Büro der Erinnerungen“ zwischen 15. Mai und 15. Oktober 2002 insgesamt zirka 20.000 einzelne Erinnerungsstücke recherchiert bzw. abgegeben wurden. Andererseits begann Mitte Oktober 2002 das künstlerische Team (Leitung: Erika Thümmel) in Kooperation mit dem wissenschaftlichen die Ausstellung „Berg der Erinnerungen“ zu konzipieren, eine Ausstellung, die verschiedene Aspekte der „kommunikativen“ Geschichte der Stadt zeigte. An die 800 Erinnerungen veranschaulicht durch knapp 2.000 Exponate wurden von Wissenschaft (und auch Gestaltung) ausgewählt, die vom Gestaltungsteam im Stollensystem des Grazer Schlossbergs „in Szene gesetzt“ wurden. Ziemlich genau 100.000 Menschen besuchten zwischen 21. März und 26. Oktober 2003 real die Ausstellung, über die virtuellen Zugriffe auf unsere Datenbank www.berg03.at ist bekannt, dass von Juni 2003 bis Ausstellungsende 261.888 virtuelle Zugriffe verzeichnet wurden.

Das Stollensystem des Grazer Schlossbergs war aus mehreren Gründen als Ort der Ausstellung von symbolträchtiger Bedeutung – zum einen ist der Schlossberg als Wahrzeichen dieser Stadt, dessen Zentrum und geografischer Bezugspunkt – zum anderen fanden in seinem zum Großteil während des 2. Weltkrieges durch Zwangsarbeiter errichteten ca. sieben Kilometer langen und komplexen System von Stollen bis zu 50.000 Menschen Zuflucht während der Bombenangriffe. Daher verknüpfen viele Grazerinnen und Grazer mit diesem Berg noch heute mit sehr persönlichen Erinnerungen an diese Zeit. Manche Bereiche dieses Stollensystems wurden im Rahmen dieser Ausstellung erstmals seit 58 Jahren wieder zugänglich gemacht.

Produktion von Erinnerungen

Zu Projektbeginn verstand unser Team von BISDATO Ausstellungs- und Museumsregie (Heimo Hofgartner, Katia Schurl; Leitung: Karl Stocker) als Erinnerungsstücke Fotografien, Dokumente, Gegenstände aller Art, die für ihre BesitzerInnen in ihrer Beziehung zur Stadt Graz von Bedeutung sind. Zur Erhebung der Erinnerungen setzten wir einerseits auf die aktive Mitarbeit jener GrazerInnen, die von sich aus daran interessiert waren, dass ihre Geschichte dokumentiert und präsentiert wird. Andererseits sahen wir unsere Aufgabe als HistorikerInnen auch darin, von uns aus aktiv zu werden. Wir gaben dem Projekt eine inhaltliche Ausrichtung, indem wir Themen auswählten und Fragen aufwarfen.

Bei diesen Fragestellungen handelte es sich einerseits um die eher klassischen Themen der Geschichtsforschung d. h. jene Ereignisse des 20. Jahrhunderts, die das Leben der Grazer Bevölkerung – ob sie es wollten oder nicht – entscheidend bestimmten: Diese Themen reichen vom 1. Weltkrieg über die „Klassenkämpfe“ der 1. Republik zur NS-Zeit mit Krieg, Terror und Widerstand. Für die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts sind der Wiederaufbau und die „Besatzungszeit“, die 68er- und Frauenbewegung, die Anti-AKW-Bewegung und die Gründung der Alternativbewegung zu nennen.

Andererseits lässt sich vieles, was sich im Laufe der Zeit in unserem „Berg der Erinnerungen“ angesammelt hat, unter den Begriff Alltagskultur subsumieren. Alltagskultur ist dabei zu verstehen als spezifische Gedächtnisleistung, mit deren Hilfe sich das Subsystem des lebensweltlichen kommunikativen Alltagshandelns selbst produziert und erhält, indem es die Grenze zwischen sich und seiner Umwelt aufrechterhält. Alltagskultur kann aber auch ganz banal die Besetzung profaner Arbeits- und Kommunikationsvorgänge mit Sinn und Bedeutung, mit Formen und Stilen, auch mit Genuß und Lust sein.

Für die Recherche beiden Themenbereiche bedienten wir uns sogenannter history scouts – 25 HistorikerInnen und KulturwissenschaftlerInnen – , die Interviews mit ZeitzeugInnen durchführten, Materialien zu den jeweiligen Themen sammelten und für die Datenbank aufbereiteten.

Am dritten Themenkomplex – Themen der jüngsten Zeitgeschichte – arbeiteten junge so genannte action scouts, die mit Hilfe audiovisueller Medien 3-minütige Reportagen produzierten. Dahinter stand die Idee, VertreterInnen dieser Generation, die gleichsam mit der Videokamera groß geworden ist, die Möglichkeit zu bieten ihre subjektiven Erinnerungen in digitaler Form abgeben zu können.

Gestaltung

Vor die Aufgabe gestellt, in dem instabilen Berg aus brüchigem Dolomitgestein und nachgebenden Lehmfugen eine Ausstellung zu gestalten, in der die BesucherInnen nicht durch Steinschlag verletzt werden, wurden vorerst umfangreiche und äußerst kostspielige geologische Gutachten erstellt, durch welche die besonders gefährdeten Bereiche des Grazer Schlossberges eruiert wurden. Diese Kartierung bildete eine nicht unwichtige Entscheidungshilfe, in welchem Bereich des Berges und in welcher Größe wir die Ausstellung realisieren sollten.

Unklar war vorerst auch, in welcher Art die Stollen gesichert werden: so sah ein erstes Konzept vor, die BesucherInnen durch Gittertunnel gehen zu lassen oder schlugen die Tiefbauunternehmer vor (wie im Dom) die Wände mit Spritzbeton zu verkleiden. Da wir aber das spezielle Flair der Felsstollen möglichst wenig verändern und gleichzeitig mit den begrenzten Budgetmitteln eine möglichst umfassende Ausstellung realisieren wollten, beschlossen wir nicht das gesamte bespielte Stollensystem zu sichern, sondern nur die für die BesucherInnen begehbaren Bereiche, was zu der Idee der klar definierten Gehwege führte. Das Felssystem als solches wurde mit oft metertief in den Stein gebohrten Ankern gesichert, über den Gehwegen zusätzlich grobe und feine Gitternetze zum Auffangen kleinerer Steine aufgespannt und das Tropfwasser von den wasserführenden Schichten des Berges durch improvisierte „Regenrinnen“ abgeleitet. Da es uns ein Anliegen war, den Charakter des Erinnerungsraumes „Stollensystem“ auch als kulturhistorisches Denkmal möglichst unverfälscht zu erhalten, wurden alle Einbauten und Sicherungsmaßnahmen auf das absolut notwendige beschränkt und auf jegliche Restaurierung oder Renovierung verzichtet: abgestürzte Felsblöcke blieben liegen, gelöste Fliesen im Lazarettbereich wurden nicht entsorgt und verrostete Leitungen belassen.

Dem Ausgleich von Bodenunebenheiten, aber auch dem Markieren der gesicherten Bereiche, diente ein gewundenes Netz von Wegen, durch welches die unterschiedlichen Bereiche diesen Gedächtnisraumes auch farblich unterscheidbar gemacht wurden und welches somit zu einem unauffälligen Leit- und Orientierungssystem wurde. Das labyrinthische Stollensystem im Inneren des Berges diente uns auch als Metapher für die verschlungenen Pfade des Gedächtnisses. Die BesucherInnen konnten sich – wie durch die Windungen des Gehirns – in jeder Richtung frei bewegen, um Bekanntem, fast Vergessenem und vielleicht Verdrängtem wieder zu begegnen, aber auch Seiten ihrer Stadt kennen zu lernen, die räumlich zwar nahe, aber doch vielleicht wenig vertraut sind. Die Wege, auf denen die BesucherInnen durch die Ausstellung wanderten, folgten somit eher den Pfaden der spontanen Assoziation, als denen einer rigiden Chronologie. Assoziativ nahe Erinnerungen wurden in sogenannten Erinnerungsclustern, d. h. wolkenartigen Verdichtungen, zusammengefasst. Das Nicht-ganz-konsumieren-können der Ausstellung wegen ihrer Größe und das Gefühl sich in diesem Labyrinth zu verirren, wurde als gestalterisches Mittel eingesetzt. Der inneren Logik des Konzepts folgend, war der Eingangsstollen auch der Ausgangsstollen, das heißt die BesucherInnen verließen den Gedächtnisraum wieder an der Stelle, an der sie ihn betreten haben, um wieder zurück in die Gegenwart einzutauchen.

Gestalterisch verstanden wir die authentischen Erinnerungsstücke als Kristallisationspunkte der Erinnerungen. Als Auslöser einer gedanklichen Assoziationskette, schweben sie frei im Zentrum euklidscher Körper. Diese Plexiglaskuben, -tetraeder oder -oktaeder stehen folgerichtig nicht auf statischen Podesten, sondern schweben befestigt an gebogenen Eisenarmen frei vor den felsigen Wänden der Stollen. Durch die in den Vitrinen befindlichen Punktstrahler erstrahlten die Objekte quasi im Eigenlicht und wurden die sehr alltäglichen Gegenstände stark auratisiert.

Kontextualisierung der Erinnerungen

Im Sinne unserer konstruktivistischen Geschichtsauffassung war klar, dass wir im „Berg der Erinnerungen“ nicht DIE Geschichte von Graz ausstellen werden. Ausgestellt werden sollte ein Ausschnitt der Geschichte von Graz im 20. Jahrhundert, konkret jener Ausschnitt, der durch die persönlichen Erinnerungen der GrazerInnen, die uns im Zuge unseres Projekts übergeben wurden oder von unserem Team recherchiert wurden, konstituiert wird. Klar war von vorneherein auch, dass wir uns nicht in Geschichtsarchiven oder Museen behelfen würden, um thematische Mankos zu korrigieren oder „Lücken“ in der Objekt-Akquise zu füllen. Dennoch mussten wir als HistorikerInnen mehrfach ordnend – also Geschichte-konstruierend – eingreifen: Erstens bei der Auswahl der Objekte bzw. Erinnerungen, die in die Ausstellungen Eingang finden konnten. Von 20.000 Einzelerinnerungen waren ganz einfach 2.000 auszuwählen. Zweitens sollte kein Objekt für sich stehen, denn relevant für die Geschichtskonstruktion wird es nur durch seine Kontextualisierung: Erstens, indem jedes ausgestellte Exponat nur mit der Erinnerung der sich erinnernden Person präsentiert wird, und zweitens durch die Einordnung in einen konkreten thematischen Zusammenhang.

Dazu kommentierten wir auf noch auf einer Meta-Ebene als KulturwissenschaftlerInnen: Auf die einzelnen Themen bezogen sich ausgewählte Zitate aus Philosophie, Soziologie und Kulturwissenschaften, aber auch ein Liedtext von Abba; diese abstrahierten die subjektiven Erinnerungen und kommentierten sie zurückhaltend, ohne den einzelnen ErinnerungsspenderInnen zu nahe zu treten.

Der zeitlichen Einordnung der individuellen Erinnerungen dienten die zu einzelnen Themen erstellten „Zeitleisten“, raumhohe senkrechte Stelen, welche die chronologische Dimension der Geschichte einfügten. Im Katalog zur Ausstellung fügte darüber hinaus das wissenschaftliche Team quer zu den „subjektiven“ Erinnerungen kommentierendes oder auch konterkarierendes historisches Hintergrundwissen ein.

Im Sinne einer klaren Differenzierung der Medien wurde das vorhandene historische Filmmaterial auf Leinwände projiziert und die Videos der Grazer Bevölkerung sowie die von den „action scouts“ neu gefertigten Videos auf Bildschirmen gezeigt. Zusätzlich bestand die Möglichkeit zu einzelnen Erinnerungsstücken gehörige Audiofiles über Kopfhörer abzurufen. Vielen GrazerInnen wohlvertraute Musikbeispiele aus der hiesigen Lokalszene konnten als Hintergrundmusik wieder erkannt werden.

Die Themen der Ausstellung gruppierten sich um die mit Graz verbundenen persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen. Die Überschriften, welche auf den thematischen Schwerpunkt eines Abschnittes hinweisen, wurden ausschließlich den Interviews mit den ErinnerungsspenderInnen entnommen: Etwa das Thema Arbeit wurde betitelt mit „Und das war meine Aufgabe“, das Thema Terror und Widerstand in der NS-Zeit mit dem Zitat eines Widerstandskämpfers „Der Kopf ist gleich weg!“ oder das Thema Immigration mit dem Titel „Also diese Jahre, die möchte ich keinem wünschen“.

Was bleibt?

Grundsätzlich ernteten wir viel Dank von der teilnehmenden Bevölkerung, und immer wieder wurde dem Stolz dabei gewesen zu sein – aufgenommen worden zu sein in „die“ Geschichte – Ausdruck verliehen. Wie wichtig das Instrument Ausstellung und damit einhergehenden Publikationen dafür sind, wer eingeht in die Geschichte, darf nicht unterschätzt werden. Und schon kurz nach Ende der Einreichfrist wurden wir auch mit Versuchen konfrontiert, doch noch in die Ausstellung aufgenommen zu werden.

Dies, dazu die Eintragungen in den „Gästebüchern“ und ein beeindruckendes Medienecho legen nahe nachzudenken, wie die soziokulturelle Nachhaltigkeit des „Berg der Erinnerungen“ gefördert werden könnte. Ein Beispiel dazu: „Sehr lang, sehr gut! Danke an alle die mitgemacht bzw. beigetragen haben – schade, dass es keine ‚Dauerausstellung’ ist.“ (Eintrag Gästebuch 21.9.2003)

Ein interessantes Phänomen war, dass zirka die Hälfte der ErinnerungsspenderInnen ihr Objekt in der Vitrine schwebend zurückgestellt bekommen wollte, womit nun die Ausstellung „Berg der Erinnerungen“ seinerseits wieder zu einem Erinnerungsstück der GrazerInnen wurde.

Bleibend ist auch ein umfangreicher und reich bebilderter Katalog, der zur Ausstellung erschienen ist. Und: Das recherchierte Datenmaterial bleibt einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich, da dieses grundlegende Quellenmaterial zur Sozial- und Kulturgeschichte der Stadt Graz mittlerweile in einem permanenten „Büro der Erinnerungen“, das dem Steiermärkischen Landesmuseum Joanneum zugehörig ist, weiter betreut und sogar ausgebaut wird. Dort nehmen WissenschafterInnen auch nach 2003 Erinnerungen (Fotos, Dokumente, Filme, etc. und biographische Informationen zu den ErinnerungsspenderInnen) entgegen, kopieren und dokumentieren sie und stellen sie in die Projekt-Datenbank. Die Erinnerungs-Recherche wird von Seiten des dort tätigenTeams auch aktiv betrieben. Denn wie das „Berg“-Projekt gezeigt hat, muss man zu den Menschen gehen, um von ihnen historische Informationen zu bekommen.

Karl Stocker – Erika Thümmel